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MS&D: Expertise und Kompetenz in Sachen Sicherheit funktioniert auch online Schiffbau

Trotz des digitalen Formats war die MS&D 2021 das bewährte internationale Stelldichein für maritime Sicherheit und Verteidigung. Ein hochkarätiges internationales Vortragsprogramm lieferte einen thematischen Rundumschlag über politische Herausforderungen, aktuelle Bedrohungslagen und technische Innovationen. Klar wurde: Trotz Corona-Pandemie – Stillstand gibt es nicht.

Das Bild war gut gewählt: Hinter Moderator Jan Wiedemann sahen die Konferenzteilnehmer zwei Tage lang die raue bewegte See. Passend, weil die digitale Sequenz auf den Monitoren dem Anlass entsprach ­– der ersten digitalen Austragung der MS&D auf der SMM DIGITAL. Passend aber auch zur Situation der Marine und der mit ihr verbundenen Partner. Denn die veränderten globalen Sicherheitsbedingungen durch Corona-Pandemie und Klimawandel, durch neue Cybergefahren oder Piraterie sind gewiss Herausforderungen, die einer schwierigen Navigation in rauer See entsprechen. Aber sie sind eben auch kein unbeherrschbares Unwetter, durch das man in Seenot geraten würde. Antworten und Lösungsszenarien lieferte einmal mehr die renommierte internationale Konferenz für maritime Sicherheit und Verteidigung. Wiedemann, Herausgeber des SMM-Kooperationspartners „Naval Forces“, brachte es treffend auf den Punkt: „Die digitale MS&D folgte auch in Pandemiezeiten dem bewährten und logischen Konzept, globale und regionale Situationen der maritimen Sicherheit zu bewerten und daraus abzuleiten, welche Fähigkeiten die Marine zur Erfüllung ihrer Aufgaben und Aufgaben benötigt und welche Plattformen und Systeme entwickelt werden müssen.“

Den Anfang machte Vizeadmiral a.D.Lutz Feldt. Seine Kernaussage: „Der größte Wandel der Technik war der gewaltige Schritt vom Industriezeitalter zum Informationszeitalter.“ Dabei dauere es bis zu 15 Jahre, neue Marineeinheiten zu entwickeln – von der Idee bis zur vollen Betriebsfähigkeit. Feldt forderte eine engere Implementierung von Marinestrategien in diplomatische Bemühungen und eine Reduzierung der „Seeblindheit“. Diese Bewertung teilte Inspekteur der Deutschen Marine, VizeadmiralAndreas Krause. Die zunehmende globale Instabilität und die wachsende Zahl regionaler Konflikte und Krisen erforderten gemeinsame Anstrengungen auf allen Ebenen. Krause forderte eine Neudefinition der relevanten Gebiete für die deutsche Marine und nahm besonders die Ostsee und angrenzende Gebiete in den Blick. Krause: „Abgesehen von den aktuellen Herausforderungen der illegalen Migration und der Verbreitung von Waffen ergeben sich neue Sicherheitsherausforderungen wie einseitige Ansprüche für ausschließliche Wirtschaftszonen und der damit verbundene Zugang zu natürlichen Ressourcen.“ Die Marine sei bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Dafür brauche es aber auch finanzielle Planungssicherheit, die durch die Corona-Pandemie allerdings gefährdet sei.

Erfolgreiche Missionen
Auf diesen eher deutschen Blickwinkel folgte im ersten Panel eine vielschichtige internationale Perspektive und thematische Breite, wie sie vermutlich nur auf der MS&D zu finden ist. Der französische Generaldirektor des Militärstabs der Europäischen Union, Vizeadmiral Hervé Bléjean, beschrieb den bedeutenden Beitrag der EU für die maritime Sicherheit anhand der 47 verpflichtenden Projekte der „Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit“ (Pesco) seit 2017. Die verstärkten Anstrengungen zu einer gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik hätten zur Bekämpfung der illegalen Migration und des Menschenhandels in der EU beigetragen. Bléjean nannte die Stärkung der Interoperabilität und Interkonnektivität der nationalen und EU-maritimen Überwachungssysteme einen Schlüsselfaktor. Dazu kommen Entwicklung, Forschung und Innovation der europäischen maritimen Fähigkeiten, die Erhöhung der Widerstandsfähigkeit kritischer maritimer Infrastruktur und das Thema Aus- und Weiterbildung.
Die Perspektive der konkreten Umsetzung in internationalen Missionen lieferte Commander Øystein Smaaberg vom NATO-Schifffahrtszentrum. Was die Vorredner an Aufgabenstellungen skizziert hatten, konnte Smaaberg anhand der „Operation Sea Guardian“ in die Wirklichkeit übertragen, die der Seeraumüberwachung, der Bekämpfung des Terrorismus und dem Kapazitätsaufbau im Mittelmeerraum dient. Das NATO-Schifffahrtszentrum fungiert dabei als verbindende Institution zwischen Militärbehörden und Handelsschifffahrt.

Den Blick auf eine konkrete aktuelle Bedrohung schärfte der Vortrag von Fregattenkapitän Dr. Robert Koch vom Bundesministerium der Verteidigung, Sein Thema: Cyber-Angriffe. „Die zunehmende Systemkomplexität erweitert nicht nur die Angriffsfläche, sondern auch die Methoden der Angreifer werden immer ausgefeilter“, so Koch. Viel Anpassungsfähigkeit ist auch beim Thema Seepiraterie und bewaffneter Raub gefragt. Das machte die Präsentation von Michael Howlett, CEO des ICC Commercial Crime Services, deutlich. Der erst kürzlich veröffentlichte Piraterie-Bericht des IMB Piracy Reporting Centre (PRC) habe gezeigt, wie drastisch sich die Bedrohungslagen verschoben hätten. So sei der Golf von Guinea ein besonderer Hotspot geworden, gefolgt von der Straße von Singapur. Die Piraterie in Somalia sei hingegen deutlich zurückgegangen.

Gut, dass die internationale Konferenz auch die aktuelle Corona-Pandemie aufgriff. Admiralarzt Dr. Stephan Apel schilderte die enormen Herausforderungen für die Besatzungen im Umgang mit der Infektionskrankheit. Er forderte eine weitere Verbesserung der Grundhygiene für die Besatzung, außerdem anspruchsvolle Lüftungssysteme, bessere Sanitärsysteme und Isolationsmöglichkeiten für Kranke. Der vermehrte Einsatz von PCR-Tests und Antigentests mache sich bezahlt. Als nicht minder aktuelles Thema prägte auch der Klimawandel diese MS&D. So prognostizierte Prof. Marc Lanteigne von der Arctic University of Norway in Tromsø in Folge der globalen Erwärmung in 20 bis 30 Jahren einen normalen Schiffsverkehr in der Arktis. Analog dazu ändere sich bereits jetzt die Sicherheitslage: Neben den neu entstehenden Seewegen stehe vor allem der Zugang zu Ressourcen im strategischen Fokus der regionalen Großmächte China, Russland und Vereinigte Staaten.

Moderne Systeme

Der zweite Konferenztag stand traditionell ganz im Zeichen maritimer Technologien und bot der Szene einen detaillierten Blick auf den Stand aktueller anwendungsbezogener Entwicklungen. Vize-Admiral Carsten Stawitzki vom Bundesministerium der Verteidigung lieferte das passende Intro, indem er die Bedeutung des Europäischen Verteidigungsfonds (EDF) unterstrich. Dieser soll die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und EU-Ländern stärken, um Innovationen zu fördern und modernste Verteidigungssysteme zu entwickeln. Daran knüpfte Dr. Hans C. Atzpodien vom Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie an: „Die Logik hinter diesen Initiativen besteht darin, dass durch eine Harmonisierung in den europäischen Ländern die Steuerzahler möglicherweise erhebliche Einsparungen erzielen könnten. Sie verbessern gleichzeitig die militärische Interoperabilität sowie die industrielle Effizienz.“ Kritisch sah der Experte allerdings die geringe Bereitschaft der europäischen Marinen, auf dem Gebiet der Überwasserschiffe gemeinsame Entwürfe zu akzeptieren und ihre eigenen traditionellen Standards aufzugeben.

Im Fokus der abschließenden MS&D-Beiträge lag auf innovativer Militärtechnologie. Die Zuschauer aus aller Welt erfuhren etwas über die neuesten Entwicklungen effizienter Antriebssysteme, etwa in Form eines integrierten Plattform-Managementsystems. Die Bremer Atlas Elektronik arbeitet an der Entwicklung von „SeaSpider“, einem Anti-Torpedo-System, das Thorsten Bochentin vorstellte.

Die Grundlagen und Treiber von technologischen Entwicklungen wie Virtual oder Augmented Reality und Künstliche Intelligenz (KI) liegen jedoch ganz in der Gegenwart. Sarah Kirchberger vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel sieht China beim Thema KI in einer Führungsrolle, unter anderem wegen geringerer staatlicher Restriktionen. Laut Kirchberger gibt es im maritimen Bereich viele Anwendungsmöglichkeiten, die sich auf zukünftige Operationen auswirken könnten, zum Beispiel bei der Entwicklung unbemannter Systeme.

Intuitives Training

Schon sehr konkret in der Umsetzung ist der Softwareentwickler ModestTree. Das Unternehmen nutzt immersive Technologien, also Virtual oder Augmented Reality über 3D-Modellierungen, für maritime Verteidigungs- und Sicherheitstrainings. Laut Executive Vice President Jenna Tuck kann

die Methode dazu beitragen, plattformunabhängige Schulungen über räumliche Grenzen hinweg zugänglich zu machen und gleichzeitig die „untrainierbaren“ Erfahrungen vor Ort zu trainieren. Ähnlich innovativ ist ThyssenKrupp Marine Systems aufgestellt, für die Dr. Jannis Kranz und Corinna Bischof additive Fertigungstechnologien präsentierten. Sie ermöglichen mithilfe von 3D-Druck die Herstellung komplexerer geometrischer Strukturen, die gleichzeitig stabiler, belastbarer und leichter sind als über übliche Produktionsverfahren hergestellte Komponenten. Die Technologie wird bereits in der Produktion von Neu- und Ersatzbauteilen für U-Boote genutzt.
In sämtlichen Sessions standen die Referentinnen und Referenten dem Online-Publikum für eine Fragerunde zur Verfügung. Das digitale Format tat dem Austausch und Informationsgewinn dabei keinen Abbruch – auch dank der souveränen Leitung von Jan Wiedemann. Digitale Formate könnten auch Teil der kommenden MS&D 2022 werden, die natürlich wieder im Rahmen einer Präsenz-SMM stattfinden soll, so Wiedemann. Sein Fazit: „Was als Versuch begann, endete als voller Erfolg.“

 

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